Gesprächsimpulse

Wie kann ich mit Kindern/Jugendlichen über das Thema Pornografie reden?

Pornografie-Kompetenz: Definition und Förderung

Antworten auf wiederkehrende Fragen

1.Warum schauen sich Kinder und Jugendliche Pornos im Netz an?

Erst einmal gilt es festzustellen, dass sich fast ausnahmslos alle Heranwachsenden für Sex interessieren. Was neu ist, ist die einfache und schnelle Verfügbarkeit sexueller Inhalte durch das Internet, manchmal auch ungewollt. 
Die Motivation, Pornos zu schauen, ist ganz unterschiedlich. Sie steht im engen Zusammenhang mit dem Interesse Jugendlicher an Sexualität im Allgemeinen oder/und dient der Vorbereitung eigener sexueller Erfahrungen. Sie ist abhängig vom Alter und Geschlecht und von der Art der Gemeinschaft. Zudem schauen und nutzen Heranwachsende Pornos, um sich über Sexualität zu informieren. Dabei sind sie anonym. Manchmal benutzen sie Pornos auch als Masturbationshilfe.

Webseiten mit pornografischen Inhalten sind bei ihnen sehr beliebt. 

2.Ich entdecke auf dem Smartphone eines 12-jährigen Jungen Pornos. Wie verhalte ich mich?

Im Alter von 12 Jahren ist es durchaus normal, dass Jugendliche neugierig sind und Seiten wie z.B. „Pornhub“ aufschlagen. Reagieren Sie in dieser Situation achtsam.                
Bleiben Sie in Beobachtung und respektieren Sie die Privatsphäre des Kindes. Stellen sie bei dem Kind einen wiederholten Konsum fest, positionieren sie sich. Durch behutsame Fragestellungen versuchen Sie herauszufinden, welche Bedeutung die Pornos für ihn haben. Beachten Sie dabei die Intim- und Privatsphäre des pubertierenden Kindes. 
In dieser Zeit der Abgrenzung ist es wichtig zu akzeptieren, dass Sie nicht Wunschansprechpartner/-partnerin sind. Als Fachinstanz sind Sie jedoch dazu verpflichtet, das Kind rechtlich und inhaltlich über Pornos aufzuklären. Es muss wissen, dass Pornos ausschließlich für Erwachsene produziert werden. Gehen Sie dabei auf die Gefühlswelt des Kindes ein und erläutern Sie ihm die Unterschiede zwischen einer realen zwischenmenschlichen Beziehung, die von Respekt, Zuneigung und Begehren lebt und einer fiktiven virtuellen Welt. 

3.Ist es für uns als Sozialarbeiter*in wichtig, Pornoseiten zu kennen? Welches sind die meistgenutzten Seiten?

Grundsätzlich ist es für Ihre Arbeit gut zu wissen, dass das Internet kein rechtsfreier Raum ist. Da sich viele pornografische Seiten in ihrer Struktur und Wirkung ähneln, ist es für Ihre Praxis lediglich relevant, sich mit den meist genutzten Seiten auseinanderzusetzen. 

Die meist genutzten Seiten sind:

  • Pornhub
    Pornhub ist eine kostenlos nutzbare Pornowebseite (mit Hauptsitz in Montreal, Kanada). Die Seite bietet ihren Nutzern ein breites Angebot an pornografischen Videos und Bildern von Amateur-Darstellern/Derstellerinen bis hin zu professionellen Pornodarstellern/Pornodarstellerinen. Dabei sind die Formen der Sexualität und Erotik weit gefächert.
    Laut den Internet-Statistikern/Statistikerinen von Alexa steht Pornhub auf Platz 29 der weltweit beliebtesten Internetseiten (Stand September 2018).
    (https://de.wikipedia.org/wiki/Pornhub)
  • XVideos
    XVideos ist eine kostenlose und durch Werbung sowie durch Google Analytics ausgewertete Nutzerdaten finanzierte Videostreaming-Plattform mit Sitz in Prag. Sie ist zurzeit die größte Porno-Webseite dieses Typs.
    Den Nutzern steht eine große Bandbreite an pornografischen Videos zur Verfügung. Dabei reicht das von den Nutzern eingestellte Material angefangen von privaten Videos über legale Inhalte der Pornostudios bis hin zu Pornofilmen, die gegen das Urheberrecht verstoßen. 
    Auf der Alexa-Rangliste ist XVideos derzeit auf Platz 47 zu finden (Stand September 2018).
    (https://de.wikipedia.org/wiki/XVideos)

4.Gibt es bei Kindern und Jugendlichen Hinweise, die auf eine Pornografiesucht hinweisen?

Es gibt keine eindeutige Diagnose für Pornografiesucht. Dennoch können Symptome entwickelt werden, die vergleichbar mit denen des Suchtverhaltens sind. Deutliche Warnhinweise sind, wenn: 

  • der Drang da ist, öfter am Tag Pornografie zu konsumieren und dieses Bedürfnis schwer zu kontrollieren ist.
  • die Handlungen zwanghaft werden.
  • zudem keine realweltlichen Beziehungen stattfinden.
  • das Kind anfängt zu leiden.

Diese Symptome sind ernst zu nehmen und es sollte möglichst zeitnah eine zuständige Beratungsstelle hinzugezogen werden, bei der auch Eltern und Erziehungsberechtigte anwesend sein können. 

5.Machen wir uns als Sozialarbeiter*innen strafbar, wenn der von uns beaufsichtigte Heranwachsende pornografische Seiten nutzt?

Sie sollten sicherstellen, dass keine pornografischen Inhalte auf den Rechnern Ihrer Institution genutzt werden können.
Sie tragen als Aufsichtsperson die Verantwortung dafür, dass sie das Nutzen pornografischer Inhalte bei den Kindern/Jugendlichen, mit denen sie arbeiten, möglichst rasch unterbinden. Bei Nichteinschreiten liegt unter Umständen –unter dem Aspekt der Beihilfe– eine Straftat vor.

  • werden sie aufmerksam auf die Häufigkeit der Nutzung pornografischer Inhalte.
  • weisen Sie das Kind/den Jugendlichen/die Jugendliche auf mögliche Konsequenzen hin.
  • sichern Sie sich Beweise mithilfe eines Screenshots und Notizen zu Datum, Uhrzeit, Link und wenden Sie sich im nächsten Schritt an die Eltern, das Jugendamt oder eine andere Meldestelle in ihrer Nähe.

 

6.Ich lehne Pornografie generell aus religiösen Gründen ab. Darf ich diese Haltung gegenüber den jungen Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, vertreten?

Als Fachkraft sollten Sie in jedem Fall versuchen, neutral und wertefrei zu sein. Ethische Werte dürfen nicht moralisierend sein und die Entscheidung des Kindes beeinflussen.

7.Wie kann ich Kinder und Jugendliche im Rahmen meiner Arbeit schützen?

Setzen Sie Kindern und Jugendlichen altersgerechte Grenzen. Filter- und Kinderschutzsoftware können den Zugang zu Pornos stark einschränken. Sie ersetzen jedoch keine Auseinandersetzung!

8.Wie verhalte ich mich, wenn Kinder und Jugendliche in meiner Arbeitsstelle mit mir darüber nicht reden möchten?

Als erstes sollten Sie den Wunsch des Kindes/des Jugendlichen/der Jugendlichen akzeptieren und ihm vermitteln, dass Sie jederzeit als Ansprechpartner*in zur Verfügung stehen. 
Sucht der/die Jugendliche Sie als Vertrauensperson auf, achten Sie darauf, dass Sie nicht Ihre eigene persönliche Haltung ihm gegenüber äußern. 

Ein nächster unterstützender Schritt könnte eine gemeinsame Vereinbarung sein, andere Gesprächspartner*innen, denen man vertrauen kann und die kompetent sind, aufzusuchen oder sich z.B. auf folgenden Seiten zu informieren: 

9.Dürfen Kinder und Jugendliche Pornos schauen?

Nein!
Gemäß § 184 StGB ist das Nutzen und Verbreiten von Pornografie an Personen unter 18 Jahren verboten.
Jeder, der Kindern Pornografie zugänglich macht, sei es durch das Internet, Filme oder Zeitschriften, macht sich strafbar.

10.Wie gehe ich am besten mit der Scham eines Heranwachsenden um?

Scham gehört zum Leben dazu. Jeder Mensch hat seine eigene Schamgrenze und empfindet Scham in ganz unterschiedlichen Situationen, besonders in Bezug auf das sexuelle Verhalten. Bei großer Scham schalten Gehirnfunktionen, die z.B. das Sprachvermögen sowie das moralische Bewusstsein steuern, ab. Das sogenannte „Reptilienhirn“ übernimmt nun die Ansagen. Daher können Kinder und Jugendliche, wenn sie Pornografie konsumieren oder dabei ertappt werden, oft nicht klar denken oder sprechen; stattdessen überwiegen körperliche Reaktionen wie Erröten, Schwitzen, Abwenden des Blickes etc. Ihr größtes Ziel ist es dann, diesem Zustand zu entkommen. Sie würden am liebsten „im Boden versinken“ oder „unsichtbar werden“. Daher tun Sie Gutes, sorgsam und sensibel hinzuschauen und das Kind oder den Jugendlichen/die Jugendliche nicht zusätzlich zu beschämen. Sich schämen ist zwar unangenehm, aber durchaus menschlich. Und mit jeder Gesprächssuche zum Thema Sexualität bewegen Sie sich an der Schamgrenze. 
 

Impulsgebendes Regelwerk für Sozialarbeiter*innen

Die 9 Regeln

  • Respektieren Sie die Wünsche der Kinder und Jugendlichen, sich abzugrenzen und ihr Recht auf Privatsphäre
    Beispiele: Seien Sie achtsam in Situationen, in denen die Grenzen der kindlichen Privatsphäre sich vielleicht gerade verschieben – z.B. Ausflug ins Schwimmbad.
    Erklärung: Durch die Baustelle im Gehirn und deren Entwicklungsprozesse fühlen sich Kinder und Jugendliche in der Pubertät im eigenen Körper unsicher. Blicke von außen sind nicht erwünscht!
  • Respektieren Sie, wenn Sie an Autorität einbüßen
    Beispiel: Nehmen Sie Angriffe auf ihre Autorität nicht persönlich, auch wenn die Kinder und Jugendlichen, von denen sie kommen, „bis gestern noch so brav“ waren.
    Erklärung: Abnabelung ist angesagt. Die Peergroup wird ein zunehmend wichtiger Bestandteil der Lebenswelt.
  • Bleiben Sie authentisch
    Beispiel: „Als ich so alt war wie du, hatte ich vieles auf dem Herzen, habe mich aber nicht getraut, darüber zu sprechen. Ich bin für dich da, egal, worum es geht.“
    Erklärung: Es tut Heranwachsenden gut, wenn sie spüren, dass es Ihnen auch nicht immer leichtfällt, schambesetzte Themen anzusprechen.
  • Nehmen Sie Kontakt zu den Eltern der heranwachsenden Kinder, mit denen Sie arbeiten, auf und informieren Sie sie über Schutzmöglichkeiten. Die Installation eines Schutzfilters kann helfen, aus der Kontrollfunktion als Elternteil wieder mehr in die Beziehung zum Kind zu gehen.
    Beispiel: Tippen heranwachsende Kinder z.B. das harmlose Wort "eklig" in Suchmaschinen ein, so werden u.a. auch pornografische Inhalte gezeigt. 
    Erklärung: Internetpornografie geht bis in die Kinder-/Jugendzimmer. Ein möglicher ergänzender Schutz ist eine Filtersoftware.
  • Signalisieren Sie auch bei Konflikten Gesprächsbereitschaft
    Beispiel: „Ich möchte nicht, dass ihr hier im Jugendzentrum Pornos anschaut. Ich kann euch auch gern erklären, warum, und bin gespannt, was ihr dazu zu sagen habt. “
    Erklärung: Dieser Satz soll als Zeichen verstanden werden, durch den Sie keine Scheu signalisieren und die Auseinandersetzung fordern. Idealerweise beginnt hier ein Dialog.
  • Bleiben Sie Ihren Grenzen treu
    Beispiel: „Ich möchte nicht, dass ihr solche Bilder bei uns im Jugendzentrum anschaut. Mir geht das zu weit und ich möchte euch schützen.“
    Erklärung: Zu viele Freiheiten können Heranwachsende überfordern. Grenzen geben Orientierung und machen den Heranwachsenden Mut, selbst Grenzen zu ziehen, wenn sie sich in einer Situation nicht wohl fühlen.
  • Sie sind Vorbilder, ob sie wollen oder nicht
    Beispiel: Leben Sie Respekt, Toleranz, Offenheit und Empathie vor.
    Erklärung: Wenn Sie mit heranwachsenden Kindern im Kontakt sind, findet Erziehung statt. Kinder/Jugendliche lernen am Modell.
  • Benutzen Sie Ihre Lebensreife nicht belehrend
  • Beispiel: „Ich war damals auch neugierig. Da gab es aber noch keine Pornos.“ Erklärung: Klarheit braucht Güte und keine Moral!

  • Nehmen Sie die Kinder/ Jugendlichen ernst!
    Beispiel: „Was könnte dir jetzt guttun?“
    Erklärung: Unzufriedenheit, Druck und Angst brauchen Ihre Aufmerksamkeit.